Unsettled Earth: Gegen die Abstraktion: Zu einer Politik der Konfrontation
Keynote-Vortrag von Islam al Khatib, gefolgt von einer Paneldiskussion mit Al Khatib, Munira Khayyat und Omid Montazeri, moderiert von Marwa Arsanios12.00-14.00
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für Erwachsene
auf Deutsch/auf Englisch
Dieser Vortrag beginnt mit einer Ablehnung von Abstraktion als vorherrschende Reaktion auf koloniale Gewalt. Diese Gewalt wird heute zunehmend unter kulturellen Rahmenbedingungen verarbeitet, die politische Organisation behindern und die Werte von Bewegungen aushöhlen. Stattdessen bedarf es einer Art Konfrontation, die nicht nur die Gewalt und ihre Verursacher*innen konfrontiert, sondern auch die Auswirkungen, die diese Gewalt auf uns hat. Wie konnten wir dazu konditioniert werden, einen Zustand als gegeben hinzunehmen, in dem das Leben mancher Menschen die Entbehrlichkeit und Entmenschlichung anderer Leben zur Voraussetzung hat?
Diese Fragmentierung wird durch eine aufgezwungene Ordnung von Sprache und Narrativen durchgesetzt, die politische Aktion nur im engen Rahmen kontrollierter Appelle an „gemeinsame Kämpfe“ oder „Solidarität“ zulassen. Diese auf die arbiträren Sykes-Picot-Grenzen abgestimmten Verengungen sind darauf ausgerichtet, den Diskurs lediglich darauf zu richten, wo das Imperium als nächstes zuschlagen könnte, anstatt sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass wir bereits seit der Gründung unserer Nationalstaaten von Israel als imperialem Vorposten angegriffen werden und permanente existenzielle Kriege durchleben.
Diese Dynamik zwingt uns, durch eine Rhetorik des Exzeptionalismus zu sprechen. Das Einzige, was jedoch außergewöhnlich ist, ist, dass in der gesamten arabisch-iranischen Region – oder wie auch immer man sie nennen mag – Flucht und Exil zur bestimmenden politischen Bedingung der gegenwärtigen Ordnung geworden sind. Der Anspruch auf eine Ausnahmesituation beruht auf einer kollektiven Bedingung, die wir jetzt alle teilen, nämlich dass wir alle zu Kämpfer*innen um das Recht auf Rückkehr geworden sind. Wohin diese Rückkehr führen soll, bleibt bewusst unklar. In einer Landschaft permanenter Kriege gibt es permanente Flüchtlinge und eine permanent aufgeschobene Rückkehr. Dieser Zustand vertieft die Fragmentierung, da wir einander eher durch zerbrochene Identitäten erkennen als durch die gemeinsame Frage nach Exil und Enteignung. Unter welchen Bedingungen, die sich dezidiert gegen ein expandierendes Regime der Militarisierung, Lager, Gefängnisse, Grenzen und Völkermord, der nur neue Zyklen der Vertreibung reproduzieren kann, stellen, ist eine Rückkehr vorstellbar?
Diese Frage erfordert eine Konfrontation – jedoch nicht mit unseren sogenannten Misserfolgen und auch nicht durch müde Traditionen des Beklagens von Niederlagen oder des Feierns von Siegen, sondern mit dem, was aufgegeben und verloren wurde: den ausgelöschten Geschichten und der politischen Klarheit, die wir geopfert haben in unserem Bestreben, uns einer Ordnung verständlich zu machen, die gerade dadurch überlebt, dass sie uns abstrahiert. Demgegenüber plädiert das im Anschluss stattfindende Gespräch für die Konfrontation untereinander als politische Methode, die sich der Abstraktion widersetzt. Was wird möglich, wenn Bewegungen aufhören, mit fernen Schiedsrichtern der Legitimität zu sprechen, und beginnen, untereinander über gemeinsame Bedingungen der Vertreibung/Flüchtlingsschaft/Enteignung/Exil zu sprechen? Wie könnte die Rückkehr als politischer Prozess neu gedacht werden? Welche Formen der Klarheit entstehen, wenn Konfrontation zur Brücke zwischen uns wird, statt zur Illusion eines vereinten Kampfes?
Islam al Khatib ist eine palästinensische Forscherin und Doktorandin an der London School of Economics. Ihre Arbeit befasst sich mit den Schnittstellen zwischen Überwachung, Wissensproduktion und globalen Technologieinfrastrukturen.
Munira Khayyat ist Anthropologin und befasst sich in ihrer Forschung mit dem Leben im Krieg, den privaten Geschichten von Imperien und der Theorie des Südens. In ihrem ersten Buch A Landscape of War: Ecologies of Resistance and Survival in South Lebanon (University of California Press, 2022) untersucht sie den Widerstand von Ökosystemen in einer Welt des andauernden Krieges. Aufgrund ihrer umfangreichen Feldforschung in Dörfern an der Frontlinie entlang der südlichen Grenze des Libanon zu Israel betrachtet Khayyat den Krieg nicht nur als Ort des Todes und der Zerstörung, sondern auch als ein Umfeld, in dem Menschen leben.
Marwa Arsanios ist Künstlerin und Filmemacherin. In ihren Arbeiten untersucht sie Strategien, mit denen sich verschiedene Gemeinschaften kolonial-kapitalistischen Strukturen – sei es in familiären, staatlichen oder unternehmerischen Strukturen – in Gebieten in Kurdistan, im Irak, im Nordwesten Syriens, im Libanon und in Tolima, Kolumbien, entgegenstellen. Dabei befasst sie sich unter anderem mit Landrechten sowie Formen der Selbstorganisation und Selbstverteidigung.