Krieg, transgenerationales Trauma, Landraub und andauernder Siedlerkolonialismus
Sumūd und klinische Arbeit in extremis mit Samah Jabr denken: Podiumsdiskussion19.00-22.00
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für Erwachsene
auf Englisch
Wie kann Heilung praktiziert werden, wenn das Leben auf ein prekäres Minimum reduziert ist und Trauma kein vergangenes Ereignis, sondern eine andauernde, transgenerationale Realität darstellt – eine fortdauernde Nakba? Dieser Begriff beschreibt einen Kontext, in dem westliche psychiatrische Kategorien, die von Privilegien und kolonialer Macht geprägt sind, an ihre Grenzen stoßen.
Seit über zwei Jahrzehnten kritisiert die palästinensische Psychiaterin Samah Jabr die Unfähigkeit dieser Modelle, in dem permanenten Gewaltzustand, dem Palästinenser*innen ausgesetzt sind, zu analysieren, zu diagnostizieren und Fürsorge zu leisten. Gleichzeitig besteht sie auf der „humanisierenden“ Aufgabe der Psychiatrie und fordert ihre radikale Neudefinition. In einem von Unterdrückung strukturierten Kontext, so ihre Argumentation, ist klinische „Neutralität“ nicht nur unmöglich, sondern mitschuldig. Stattdessen verankert sie ihre Praxis im Konzept des Sumud (Standhaftigkeit) und versteht Therapie als einen Akt, der Würde stützt, Ohnmacht bekämpft und kollektive Bindungen stärkt.
Jabr zeigt, wie Standarddiagnosen Leid oft entpolitisieren und die wahren Ursachen psychischer Not verschleiern. In einem biologischen Rahmen verhaftet, der politische und historische Realitäten ignoriert, kann die traditionelle Diagnostik zum Instrument kolonialer Unterdrückung werden. Die Pathologisierung eines Volkes als „psychologisch unzurechnungsfähig“ verdeckt die eigentliche Ursache: die Besatzung selbst.
Ihre Reflexionen knüpfen an die Arbeit Frantz Fanons an, der die psychosomatischen Auswirkungen kolonialer Gewalt theoretisierte und beschrieb, wie sie Psychen zerrüttet und Leiden jenseits bestehender Kategorien erzeugt. Wie Jabr feststellt, sind Begriffe wie „PTBS“ oder „Depression“ unzureichend, um das tiefgreifende Leiden einer andauernden Nakba oder Zustände wie „Solastalgie“ – die durch die Zerstörung der Heimat verursachte Verzweiflung – zu erfassen.
Dieses Gespräch untersucht, wie in extremen politischen Kontexten konventionelle Diagnosekategorien und Neutralitätsansprüche obsolet werden, da sie letztlich die Unterdrückung verschleiern. In solchen Settings erweisen sich kollektive Resilienz, Sumud und das Streben nach Gerechtigkeit als grundlegende Bestandteile der Fürsorge.
Mit Samah Jabr, Camilla Caglioti und Marlon Miguel.
Forschungsprojekt „Wahnsinn, Medien, Milieus. Die Neugestaltung der Geisteswissenschaften im Europa der Nachkriegszeit“, Bauhaus-Universität Weimar, gefördert durch das Freigeist-Stipendium/VolkswagenStiftung